Helfen dürfen

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ilse / pflege

Ilse kehrt den Hausflur. Damit flucht sie viel, und zwar auf alle: auf die beschissene Hausverwaltung, die sich nicht um die Sauberkeit des Treppenhauses schert; auf die Arschlöcher von Mitmieter*innen, die den ganzen Dreck hereingetragen haben; auf diesen einen Dreckssack, der ihr vor zehn Jahren mal krumm gekommen ist, auf den besonders, dieses arrogante Stück Scheiße.Es ist alles besser als vor zwei Stunden; vor zwei Stunden war sie nur traurig. Sie sagt dann immer dreieinhalb Sätze: Ich will nicht mehr leben. Ich kann nicht mehr. Es ist genug. Wenn ich doch nur so eine Pille hätte! Es ist viel besser, wenn sie schimpft. Sie ist auch viel erreichbarer, wenn sie schimpft: Wenn ich dann einen Witz mache, lacht sie kurz und macht dann selber einen, um mich zu übertrumpfen. Und dann hat sich mich übertrumpft, und darüber freut sie sich dann, und dann schimpft sie wieder zwischendrin, sie schimpft einfach auch gern. Wenn sie traurig ist und ich mache einen Witz, sagt sie nur müde: „Das ist nicht zum Lachen, ich sterbe hier.“ Und auch das ist wahr auf eine Art. Aber auf zweiteres kann ich einfach nichts antworten, weil es nichts zu antworten gibt.

Ich bin jetzt in einigen Selbsthilfegruppen für Angehörige von dementen Menschen, und täglich schreiben da Leute rein, dass sie gerade neu beigetreten sind und nicht wissen, was sie tun sollen. Sie wollen helfen, sagen sie, aber wie? Je weiter sie weg sind von den Menschen, desto dringlicher ist es ihnen, helfen zu dürfen, aber wie? Wie kann man helfen bei einer Krankheit, die ohnehin einen schlimmen Verlauf hat, in einem Zustand, der sich immer weiter verschlechtert?Ich bin jetzt so um die vier Wochen hier, ich weiß noch nicht sehr viel, ich lerne noch, und das täglich. Eine Sache aber habe ich begriffen: Helfen kann man nicht erzwingen. Helfen zu dürfen ist ein Geschenk. Und zwar in beide Richtungen.Kurzer Perspektivwechsel: Ich hatte selbst mit Anfang 20 eine schwere Erkrankung, die mich lange Zeit hilflos zurückließ, inklusive Lähmungen am ganzen Körper und Bettlägrigkeit usw. und mich seither immer wieder mal eingeholt hat, wenn auch nicht ganz so dramatisch wie beim ersten Auftreten.

Seither hasse ich die Frage, wie es mir geht, sofern sie ernst gemeint ist; ich habe Familienmitgliedern verboten, sie mir zu stellen, gerade jenen, die besonders besorgt sind (und weit weg wohnen); weil immer die Anschlussfrage kam, wie es mir denn aber wirklich geht, sie wollen mir dann direkt in die Seele kucken, und sie meinen es ja nur gut, da hab ich zur Verfügung zu stehen. Sie machen sich ja Sorgen, deswegen haben sie ja ein Anrecht darauf, alle Geheimnisse meines Zustandes mitzuprotokollieren; und es ist auch schwierig zu verstehen, dass ich das nicht unbedingt mit ihnen teilen will, auch nicht unbedingt darüber nachdenken will in just diesem Augenblick, dass ich diese Frage im Grunde für eine Unverschämtheit halte, weil was wäre die Konsequenz daraus, wenn ich sagte: „Ausgesprochen schlecht“? Sie wollen es wissen, weil es ihnen hilft. Das wäre auch okay, wenn es nicht um mich gehen würde, aber so? „So war das aber nicht gemeint“, kann ja sein. Wie war es denn gemeint? Und dann beginnt die Diskussion, für die ich keine Kraft habe, wenn es nicht gut geht, und keine Lust, wenn es mir gut geht.

Wer krank ist, hat immer das Gefühl: Ich kann nicht mehr genug, ich weiß nicht mehr genug, ich bin nicht mehr genug. Die größte Hilfe ist, dieses Gefühl zu durchbrechen; und das heißt eben auch, sich helfen zu lassen. Das mag am Anfang ein bisschen gekünstelt aussehen, aber nicht, weil es gekünstelt ist: sondern weil Gesunde überhaupt erst lernen müssen, sich von sogenannten Kranken helfen zu lassen.

Oft sind es Kleinigkeiten. Sich irgendwas erklären lassen, warum ist dieser Strich, den Du gemalt hast, krumm, warum blau? Welches ist die beste Milch, und wo kann man sie kaufen? Wie funktioniert diese Apparatur, die da neben Dir steht, und übrigens, mir läuft die Nase, was machst Du immer dagegen?Ilse sucht sich ihre Aufgaben, freilich, das ist an manchen Tagen schwieriger als an anderen, aber der Impuls ist da: sie tut etwas, sie weiß etwas, sie hilft. Sie teilt ihr Wissen gern mit mir, und je häufiger ich sie nach Dingen frage, desto häufiger fragt sie mich auch nach Dingen. Vielleicht lerne ich nur selten lebenspraktische Dinge, die ich noch nicht weiß, aber ich lerne etwas ganz anderes: wie wir zusammen zurecht kommen. Das ist nämlich etwas, da haben wir beide kein Expert*innenwissen, das müssen wir zusammen herausfinden, da kommt es auf uns beide an.

Ich würde allen Angehörigen in diesen Gruppen gerne raten: Wenn ihr helfen wollt, ist das toll, aber helft ein bisschen weniger und verwendet mehr Energie darauf, euch helfen zu lassen. Zeigt den Menschen, denen ihr helfen wollt, dass sie fähig sind – nicht zu allem, das wäre gelogen. Aber zu den Dingen, die sie tatsächlich können.

Und wenn sie fluchen, lasst sie fluchen, Herrgottnochmal.

Wie ich einmal für die Sexualaufklärung einer ganzen Schulklasse gesorgt habe

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dorfjugend

Ich bin im Allgäu aufgewachsen, auf dem Dorf. Es ist ein sehr katholischer Flecken Erde, an jeder Straßenkreuzung sprießt ein Flurkreuz. Ich habe dort Bürgermeisterwahlkämpfe erlebt, da haben Kandidaten versprochen, ihre Freundin zu heiraten, weil ein Pfarrer in einer Sonntagspredigt moniert hatten, dass sie in Sünde lebten. Und das waren nicht die chancenlosen Schießbudenfiguren, sondern die Leute von der CDU.

Es ist auch ein sehr reicher Landstrich. Es ist ein Doppelgaragen-Landstrich, wo es normal ist, dass Familien mit zwei Kindern auf 400 qm leben; und wenn das zu eng wird, bauen sie den Keller aus. Ich bin eher arm aufgewachsen. Viele Freund*innen bekamen ihre 50 Mark Taschengeld im Monat, da hatte ich zehn oder vielleicht zwanzig. Ab der siebten Klasse kam dann noch Nachmittagsunterricht dazu zweimal die Woche, da hab ich mir davon dann oft Mittagessen gekauft. Meine Mutter hat mir freilich immer belegte Brote mitgegeben, aber ich wollte halt auch die ganze dekadente Scheiße fressen, die alle anderen auch gefressen haben: belegte Seelen, Leberkäswecken, hinterher eine Müller-Milch Banane. Ich wollte halt leben wie die.

Also musste ich improvisieren. Damals lasen viele Klassenkamerad*innen Bravo, Bravo Sport, Playboy und aber auch solche pornografischen Blätter wie die Praline. Es war nämlich so, dass unsere Biologie-Lehrer*innen, zumindest die älteren, alle auch erzkatholisch waren. Deswegen schoben sie den Aufklärungsunterricht jedes Jahr ganz ans Ende des Jahreslehrplanes, um dann – jedes Jahr aufs Neue – festzustellen, dass jetzt gar keine Zeit mehr wäre für diesen ganzen Schweinkram. Ich bin, glaube ich, ernsthaft aufgeklärt worden erst in der elften Klasse. Das waren die 90er auf dem Dorf im Allgäu.

Jedenfalls gab es ein Kaufhaus, das hieß auch noch Kaufhaus X, und da lagen diese ganzen Hefte in einem Seitengang aus. Ich hatte schon früh gelernt, dass wenn ich das gleiche wollte wie die anderen auch, ich es mir nehmen musste, weil geben würde es mir niemand. Also ging ich eines Tages, es muss in der achten Klasse gewesen sein, während einer großen Pause dorthin und klaute mir eine Bravo. Es war ein Freitag, wir hatten danach nach der fünften Schluss, und ich musste eine Stunde auf den Bus warten. Also zeigte ich den anderen, mitwartenden Kindern das Heft. Die machten Augen und danach machten sie Worte, und diese Worte sagten: Kannst Du uns nicht auch sowas besorgen?

Na klar konnte ich. Über die kommenden Wochen ging ich jeden Freitag in der großen Pause ins Kaufhaus X, um dort die Hefte zu besorgen. Ich hatte einen Bestellzettel dabei, der in der Stunde vor der Pause herumgereicht worden war, auf dem Stand dann: Bravo soundsoviele, Bravo Sport ein paar weniger, Playboy ein paar und dann noch Coupé oder sowas. Zu Hochzeiten müssen das so 15 Bestellungen gewesen sein pro Freitag. Ich war sehr geschickt, ich bin nie erwischt worden, obwohl das sicher einige Monate so ging. Ich nahm die Hälfte des nominellen Preises und hatte ein gutes Auskommen.

Bis zu diesem ominösen Freitag im Frühsommer.Nach der großen Pause hatten wir immer Musik bei Herrn Büchele. Normalerweise war es so, dass ich ganz knapp zu Beginn der Stunde wieder da war und dann während der Stunde die Hefte verteilte, sie wurden durch die Reihen gereicht, bist sie ihre Destination fanden. Herrn Büchele war aber über die Zeit aufgefallen, dass wir eine sehr unaufmerksame Klasse waren, die gerne und viel in irgendwelchen Schulheften las und nicht dem Unterricht folgte. Da stimmt was nicht, dachte sich Herr Büchele, und kündigte just an diesem Freitag eine Schulranzenrazzia an, um ebenjenen Lesestoff, der obendrein oft zu Gekicher und Unruhe führte, zu beschlagnahmen.

Da saß ich nun mit meinen 15 Heften, während er am anderen Ende der Klasse begann, die Schulränzen zu filzen. Glücklicherweise saß ich direkt an einem Fensterplatz, also nahm ich die Hefte und warf sie, während Herr Büchele die Nase in einem der Ranzen hatte, aus dem Fenster. Unglücklicherweise befand sich der Klassenraum im Erdgeschoss, obendrein war die Fassade vollverglast, das heißt: alle konnten die Hefte sehen. Ein wenig Wind ging, der sanft durch die Seiten blätterte.

Um mein Pech komplett zu machen, hatte Herr Büchele meine Entsorgungsaktion sofort zur Kenntnis genommen und stand in keiner Zeit vor meiner Nase, um mich zu fragen, was ich da aus dem Fenster geworfen hatte. Ich stammelte dies und das, merkte aber, dass ihn das nicht sonderlich beeindruckte, stand dann auf und sagte: Ich schau selber nach, was das war. Dann sprang ich in einem Akt der Verzweiflung aus dem Fenster, stellte mich direkt auf die Hefte und sagte: „Ich kann gar nichts sehen, was da sein soll.“

Die ganze Klasse war mir ans Fenster gefolgt, alle diese Arschlöcher kicherten und lachten und manche schrieen sogar: „Du stehst doch drauf!“ Herr Büchele besah sich das Spektakel schweigend und sagte dann: „Jetzt gib schon her.“Seufzend reichte ich ihm, worauf ich bisher gestanden hatte, drehte mich einmal weg von der Fensterfront voller hämischer Gesichter. Weiter hinten saß eine Schülerin aus einer höheren Klassenstufe, die zumindest den finalen Akt des ganzen Dramas miterlebt hatte, und sah mich fragend an. Ich sagte: „Was für eine Scheiße“, mehr zu mir als zu ihr, und sie antwortete: „Kopf hoch, Alter, alles geht vorbei“. Das war Nelly, sehr viel später sollten wir gute Freund*innen werden.

Herr Büchele besah sich, was ich ihm gereicht hatte, und bat mich dann, wieder zurück ins Klassenzimmer zu kommen. Dann fragte er, für wen die ganzen Heften seien, und ich sagte: „Für mich. Das sind meine.“ Er glaubte mir natürlich kein Wort, und dann begann er die Klasse zu befragen, was wir eigentlich über Sexualkunde wussten. Mir war das hochnotpeinlich, aber es war genau das richtige, weil er damit alle Aufmerksamkeit von mir abzog. Es gab ein großes Oho in der Klasse, und viele begannen dies und das zu erzählen, vor allem die zwei, drei Bauerskinder in der Klasse wussten überraschend viel, sie wählten allerdings eine ziemlich drastische Ausdrucksweise. Sie hatten das alles halt auch schon live gesehen, halt an Tieren, aber je. Herr Büchele erklärte, was wir für fragen hatten, wahrscheinlich hat er das anschließend lehrplanmäßig unter Carmina Burana verbucht. Nach der Stunde hielt er mich unauffällig zurück.

„Geh nicht mehr klauen, dann schau ich, dass das unter uns bleibt“, sagte er. Ich nickte. Mehr sagte er nicht. Ich sollte mich ein halbes Jahr an unsere Abmachung halten.

Drecksland

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ilse / pflege

Nachts um zwei ist wieder was los. Mein Zimmer grenzt an die Küche, und Tag und Nacht haben für Ilse nur noch marginale Bedeutung; häufig kriegt sie nachts um zwei Lust auf, sagen wir mal, eine heiße Milch. Blöderweise steht keine heiße Milch im Kühlschrank, man braucht einen Topf – den alten, verbeulten, blankgescheuerten am besten, in dem wird schon seit Jahren, vielleicht auch Jahrzehnten die Milch heiß gemacht.

Dazu braucht es auch den Herd, ein altes Ding, das noch mit Gas betrieben wird, und der keinen Anzünder hat; man muss ihn mit dem Feuerzeug entflammen. Außerdem ist er widerspenstig, das Feuerzeug muss schon im richtigen Abstand zum Ventil gehalten werden, im richtigen Winkel sowieso, und das ist eben schwierig, wenn die Hände zittern und die Ungeduld wächst.Es dauert nicht lang, bis Ilse das erste Mal ein enerviertes „Du Scheißding“ entfährt, und dann dauert es noch kürzer, bis sie es ein zweites Mal sagt. „Geh endlich an, Du Scheißding!“ An guten Tagen – an guten Nächten vielmehr – bleibt es dabei. Irgendwann klappt das alles schon, und am nächsten Morgen ist dann alles wie immer, bloß mit zwei drei Milchflecken auf dem Herd.

In schlechten Stunden aber ist der erste Fluch nur der Riss im Damm, und es drängt immer mehr Gefühl und Frustration heraus, warum die Scheiße nicht so will, wie sie soll, warum eigentlich alles so gottverdammt schwer geworden ist, was zur Hölle das alles eigentlich noch soll.

Und wenn der Damm erstmal gerissen ist, dann bleibt es auch nicht bei der Scheißigkeit des Herdes, schließlich ist dieser Herd nicht die einzige Zumutung; nein, die Scheißtabletten, die nichts nutzen, fliegen dann in die Ecke, und bald wird ein Fluch zum Himmel geschickt – „Der liebe Gott, ja, wie kann der das machen, man muss ja blöde sein, um an einen Gott zu glauben, der ist ein Schwein, eine Dreckssau…“ Hier hält Ilse kurz inne. „Nein“, sagt sie dann, „Schweine sind nicht so, die Schweine können nichts dafür.“ Aber es ist nur eine kurze Unterbrechung, und es ist im Grunde egal, ob der Herd nicht funktioniert oder der Faden nicht durchs Nadelöhr will oder ein Brief, der wieder viel zu klein gedruckt ist, gekommen ist, obwohl sie eine Postkarte erwartet hat; schuld ist Deutschland, dieses Drecksland, das voller Nazis ist, immer schon war und immer so zivilisiert tut. „Wie kann ein Land sich zivilisiert nennen“, fragt sie, „und ich habe einen solchen Herd? Dieses Drecksland, diese Arschlöcher alle, meinen sie wären sonstwer!“ und mal ganz im Ernst: wer könnte da widersprechen. Ich nicht.

Schmerzen

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ilse / pflege

Ilse hat Schmerzen. Es ist schwer, Schmerzen zu beurteilen, man ist leicht dabei zu sagen: sie sind real oder nicht. Symptom oder Ursache. Oder halt beides.

Ich weiß, dass sie manchmal Symptome vorspielt. Die zitternde Hand zum Beispiel ist eins ihrer Lieblingsstücke. Ihr geht es nicht gut, und dann sagt sie: „Siehst Du, wie meine Hand zittert! Dann ist es immer besonders schlimm.“ Sie schaut auf ihre Hand, keine sieben Sekunden später fängt sie zu zittern an, erstmal ganz grob, als würde man sie hin und herbewegen unter dem Strahl eines Wasserhahns, um zu sehen, wie warm das Wasser tatsächlich ist; später schneller; irgendwann so schnell, dass es von einem Zittern nicht mehr zu unterscheiden ist (anders gesagt: ein Zittern wurde).

Ist auch ehrlich gesagt völlig egal. Ist das jetzt gespielt oder nicht? Spielt sie, Schmerzen zu haben, hat sie sie, hat sie so lange Schmerzen gespielt, bis sie sie hat? Tut ihr Körper weh, weil der Rest nicht funktioniert, ist es andersrum? Was heißt: funktionieren? Was ist der Körper, was der Rest? Welchen Grund sollte man auch haben, so lange Schmerzen vorzuspielen, bis man sie hat?

Was sind das für Fragen? Sie sagt sie will sterben, das sagt sie oft. Ich nicke. Sie sagt: Ich bin kein Mörder. Ich sage: Mörderin. Sie sagt: Auch kein Selbstmörder! Ich sage: Selbstmörderin. Sie sagt: Was? Ich sage: Ich bin auch kein Mörder. Sie sagt: Ein Glück für mich. Ich lache, und wir haben beide Glück, wir mögen uns. Also lachen wir beide.

Freund*innen fragen mich, wie und warum ich sowas aushalte, wie ich das mache; das klänge aber nicht gesund. Aber jede*r weiß, dass diese Schmerzen existieren, dass es all das gibt. Das weiß man doch, das gibt es. Irgendwer kümmert sich schon, irgendwie.

Kann ich das einfach ignorieren? Die, die es nicht können, sollen sich nicht schuldig fühlen. Aber sie sollen auch nicht denken, dass ihr Erfolg sie adelt.Ilse hat Schmerzen, ich auch; warum tue ich das, warum lebe ich so, naja: alles andere wäre sinnlos.

Stifte

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ilse / pflege

Es gibt gute Tage, die sind deutlich in der Überzahl. Und es gibt schlechte Tage. Heute war ein schlechter Tag.

Was ganz genau es ist, weiß ich nicht; vielleicht die Schmerzen, vielleicht die Depression, vielleicht die Einsamkeit, vielleicht (wahrscheinlich) alles drei. Sie schreit und ruft und das sind unter den schlechten die guten Momenten, die schlechten sind, wenn sie nur noch lamentiert; ach ja, das war einmal ein schönes Wort gewesen, das Lamento, eines, das etwas bedeutet hat; und jetzt ist aber eine giftige Ironie hineingesickert, um jene, die lamentieren, zu desavouieren. Es ist die Ironie der Gesunden, die sich nicht mit jenen auseinandersetzen mögen, die nicht so gesund sind, denen es schlecht geht, die leiden.

Ilse leidet, das ist klar.“Ich will nicht mehr. Ich mag nicht mehr. Ich will sterben, aber ich bin kein Mörder“, schreit sie, mit dieser Stimme, die nicht kraftlos ist, aber gedeckt, eine Stimme, die keine schrillen Töne mehr kann, und dann kuckt sie mich an und sagt: „Es tut mir leid, es tut mir leid. Ich weiß, Du kannst nichts dafür.“

Es ist ein Wahn, ein Todeswahn, aber gleichzeitig ist er real, oder anders: er ist existenziell. Ich weiß nicht, was sie nicht kann, sicher kann sie vieles nicht mehr, oder anders: vielleicht merkt sie, dass nicht mehr gebraucht wird, was sie noch kann, vielleicht merkt sie, dass etwas schwindet, aber was? Weiß sie was?“Und das nennt sich Staat! Das nennt sich Gesellschaft!“ Sie drückt sich noch sehr gut aus, sie durchschaut alles (nur nicht sich selbst, das wäre auch fatal). Sie war selbst lang genug Teil des Ganzen, hat sich nicht gekümmert, hat sich nicht gesorgt, hatte sich im Blick und sonst niemanden. Wenn ich ihr jetzt Bilder von sich selbst zeige, ist sie gerührt. „Ach, wie die Ilse da kuckt! Da ist sie traurig, und da lacht sie.“ Das sagt sie über sich. Es stimmt, was sie sagt, aber etwas daran stimmt nicht. Vor nicht einmal fünf Jahren hat sie einen sehr wichtigen Preis gewonnen, da kamen viele Karten. Besuche aber kommen nicht mehr. Einmal die Woche die Schwester, alle drei Wochen eine alte Freundin, die selber kaum noch kann und deswegen nur dann vorbeischaut, wenn der Sohn Zeit genug hat, sie zu fahren. Einmal die Woche eine Tschetschenin, die früher die häusliche Pflege besorgt hat, aber dann selbst familiäre Verpflichtungen hatte. Und die jetzt vielleicht oder vielleicht auch nicht bezahlt wird, um vorbeizukucken einmal die Woche abends, so wie ich bezahlt werde.“Es hat keinen Sinn. Wozu das ganze noch? Ach, wenn Du nur ein Gift hättest, dann wärst Du zu etwas nütze!“ (Pause) „Es tut mir leid, Du kannst nichts dafür.“

Wie lang hab ich noch, bis ich was dafür kann? Drei Stunden sitze ich da, sie schimpft und wirft mit Büchern und versucht zu weinen, aber es kommen keine Tränen. Erst schimpft sie auf Freund*innen, aber das nimmt sie dann wieder zurück; vielleicht hat sie Angst, dass ich es weitersagen könnte, oder dass sie sich selbst verraten könnte. Ein enger Freund macht gerade ein Buch, und sie kann nicht verstehen, warum das so lange dauert; warum er so lang nicht kommt. Dann schimpft sie los auf die Staaten, auf Hitler und Stalin und die Deutschen und die Franzosen, dann hält sie inne: „Über die Briten kann ich nichts sagen, dazu weiß ich nichts.““Auch die Briten waren schlimm“, sage ich, und erzähle vom Burenkrieg, von Indien und von den Massakern in Zimbabwe.

„Ach, und sowas weißt Du?“ Sie klingt ehrlich überrascht, sie fragt nach, es interessiert sie, aber irgendwann sticht wieder ein Schmerz, blutet die Seele, und etwas verzweifelter bricht hervor.

Und dann schreit sie wieder oder lamentiert oder ist wütend oder verzweifelt oder angstvoll oder. Sie sieht den Becher voller Bleistifte neben sich am Bett und sagt: „Ich will aber nicht mehr zeichnen, ich schmeiße das jetzt weg!“

Okay, sage ich. Sie wird sie in den Hausflur schmeißen und ich werde sie auflesen, so wird das werden.

„Oder willst Du sie vielleicht haben?“Ja, gerne, sage ich, und dann denke ich: Vielleicht muss ich jetzt mit dem Zeichnen anfangen. Vielleicht ist das jetzt der Moment dazu.

Drei Kreuze

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dorfjugend

Ich hasse Kirchtürme. Es ist kein abstrakter Hass, er ist biografisch erworben. Als ich 17 war, wollte ich den Führerschein machen; dafür brauchte ich Geld; also musste ich arbeiten gehen. Am meisten Geld gab es bei einem Stukkateurbetrieb, Gerüstbau, alles klar, dachte ich, dann halt das.

Ich bin, nunja, eher schmal. BMI um die 20. Unteres Normalgewicht, im allgemeinen unauffällig. Als ich aber am ersten Arbeitstag auf dem Parkplatz stand, morgens um sechs, und nach und nach die Stammbelegschaft eintrudelte, kam ich mir bald vor wie ein Streichholz im Wald. Alle diese Leute waren zwei Meter breit, keiner wog unter 80 kg. Verstohlen sah ich mich um, sie aber beachteten mich nicht.Ich wurde einem Sprinter zugeteilt, und der Capo – so sagte man da – winkte mich zu sich her. Er war ein Zwergberg, kaum einssechzig groß, und er aß von seiner Orange. „Bisch Du an Bombeleger?“, Sagte er, und ich sah ihn fragend an. „Wäge de Hoor moini“, sagte er und zeigte auf meinen Pferdeschwanz. „Bisch au oiner von der R.A.F.?“ Ich schüttelte wortlos den Kopf, gar nicht mal so sehr Überraschung, sondern weil ich morgens um sechs nicht spreche. Wir fuhren nach Bad Wurzach, 25 km, und zuverlässig alle fünf Kilometer schob sich der Capo einen Orangenschnitz in den Mund. Draußen nieselte es, und es ging auch, was ich bis zu diesem Tag als „ein bisschen Wind“ bezeichnet hätte; am Ende des Tages würde ich diese Wortwahl gründlich überdacht haben.

Die Hauptkirche von Bad Wurzach ist der Heiligen Verena gewidmet, der Name bedeutet so viel wie „die Behutsame“. Ich glaube nicht, dass der Capo je von ihr gehört hatte. Wir waren zu sechst, der Kirchturm wird wohl über 30 Meter hoch gewesen sein, jedenfalls war er dreiviertel eingerüstet und das hieß 13 Stockwerke. „Bombeleger!“, rief der Capo, ich stand zwei Meter neben ihm und hörte den Schall seiner Stimme trotzdem aus fast jeder Richtung. Ich weiß nicht wieso, aber overly manly men hatten mir gegenüber immer das Bedürfnis, besonders overly zu sein. Wahrscheinlich habe ich deswegen zwischen 15 und 25 ungefähr alle halbe Jahr aufs Maul bekommen, aber das sind nochmal ein paar andere Geschichten. „Ja“, sagte ich.

„Du gosch auf die dritte Etage“, das letzte Wort sprach er aus, als sei jeder Vokal etwas ganz besonderes. É – tá – gé.Ein Glück, dachte ich, nicht ganz oben, und kraxelte auf Ebene drei. „It do!“, schrie der Capo, die Umstehenden lachten oder schüttelten angewidert den Kopf. „Dritte von obe!“ Damals hatte ich noch keine Höhenangst, im Gegenteil, ich genoss es, ins Land hinaus zu blicken. Wenn man hoch genug steht, dachte ich, ist es möglich, viel zu überblicken. Besonders gern las ich damals Die Zeit.

Das Seitenteil eines Gerüstes wiegt zwischen 15 und 18 Kilo, ein Querbrett um die zwölf. Oben stehen zwei Mann und bauen ab, dann reichen sie die Bauelemente nach unten. Sie müssen dazu auf die Knie gehen, weil die Elemente über zwei Ebenen weitergegeben werden, zumindest am Anfang (je fortgeschrittener der Abbau, desto weniger Ebenen bei gleichbleibender Arbeiterzahl, liegt ja auf der Hand).

Was allerdings gar nicht auf der Hand liegt, sind diese Bauelemente. Auch wenn sich die oben mühten, so tief wie möglich in die Knie zu gehen vor der heiligen Verena, bekam man nur den unteren Rahmen zu fassen. Schlimmer als die Seitenelemente waren allerdings die Bretter, in denen der Wind sich fing, an ihnen zerrte, dass man bisweilen zwei Schritte zur Seite machen musste wie ein betrunkenes Schiff, um wieder in die Balance zu kommen. „Bal-ons“, hätte der Kapo gesagt.Glücklicherweise waren diese Bauteile nicht glatt; es gab Überreste von Stuck daran, Bauschaumrückstände, Spritzer von getrocknetem Beton („Betong!“). Deswegen trugen wir auch alle Handschuhe. Das schönste an meinem Körper sind meine Hände, feingliedrige, elegante Klavierspielerfinger, geäderte Handrücken, ausdrucksstark und edel. Die Handschuhhersteller*innen aber hatten beim Entwurf ihres Produktes allerdings eher jene Pranken meiner Kollegen im Kopf, die sich leicht zu Fäusten ballen lassen; obendrein hatte es nach kurzer Zeit zu nieseln begonnen, was die – wasserabweisenden, weil als hochqualitativ vermarkteten – Handschuhe besonders glitschig werden ließ. Kurzum, ich sollte nach kurzer Zeit ebendas denken, was ich immer wieder gedacht hatte, als ich mit Billigschuhen auf meinem Billigskateboard stand: die Scheißdinger haben überhaupt keinen Grip. Ich kann von Glück reden, dass das nicht mein letzter Gedanke war. Nach zehn Minuten brannten meine Armmuskeln, „wie d’Hölle“, nach einer Viertelstunde spürte ich meine Beine nicht mehr, nach zwanzig Minuten glitt mir das erste Brett aus der Hand und krachte einige Meter weiter unten in den aufgeweichten Boden. „Heilandsack!“, schrie der Capo, vielleicht veranlasste das die heilige Verena, die ein Leben lang keusch geblieben war, das leichte Nieseln in einen unangenehm kalten Regen zu verwandeln. Zehn Minuten später entglitt mir ein Seitenteil, während ich es nach unten reichen wollte. Unglücklicherweise hatte ich den Kopf zwischen Unter- und Oberstrebe gesteckt, so dass es mir direkt auf die Halswirbelsäule rauschte. Glück für mich, dass es nur zehn Zentimeter Fall hinter sich gebracht hatte, sonst… Naja. Sonst hätte mich ein Ende ereilt, das einem Franzosen mit distinguierten Händen im ausgehenden 18. Jahrhundert blühte. Ich hätte ein Anachronismus werden können.

Während ich aufgrund des Malheurs einigermaßen besonnen in den Querstreben hing, wurde es um mich still. Etwas verzögert erst begann unten der Capo zu fluchen und zu toben. Ich hätte an diesem Tag viele neue alemannische Schimpfwörter lernen können, wäre mein Hirn weniger mit Strategien, die das schiere Überleben garantieren, beschäftigt gewesen.Er beorderte mich nach unten und stieg selbst in die dritte É – tá – gé. Erst Jahre später fand ich heraus, warum er das nicht von Anfang an gemacht hatte. Das lag an den Orangenstücken; er war halt nicht sehr trittsicher. Mehr sag ich nicht.

Unten angekommen, wähnte mein Körper sich in Sicherheit und stellte die Adrenalinproduktion ein. Ich ließ also ständig runtergereichtes Zeug in den inzwischen angeweichten Boden fallen und achtete darauf, dass mein Hals nicht im Weg war. Um zehn war dann Frühstückspause, die wir im Auto verbrachten. Der Capo zitierte mich nach vorne, in das Führerhäuschen des Sprinters, und ich dachte – obwohl ich natürlich sofort an eine schmachvolle Kündigung hätte denken sollen – nichts. Ich war einfach nur glücklich, überlebt zu haben.

Ich setzte mich auf den Beifahrersitz des Sprinters und wartete, bis der Capo seine letzten Anweisungen verbrüllt hatte. Dann setzte er sich neben mich, kramte in seiner Tasche, nahm sich einen Wurstwecken heraus und eine Bildzeitung, schlug die vorletzte Seite auf und sagte: „Du wirsch doch amol an Schtudierter, kaschmer helfe?“ Und zeigte auf das Kreuzworträtsel.

Ich habe ihm geholfen, ich wünschte, ich wüsste die Worte noch, die ich für ihn fand. Das wäre eine schöne Pointe. Aber weiß ich nicht mehr, ich weiß nur noch, wie die restlichen 20 Tage waren und warum ich schlußendlich doch nie den Führerschein machte. All das aber ein andermal, jedenfalls hasse ich Kirchtürme.

Peinland

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dorfjugend

Am 06. April 1941, vor 80 Jahren hat Deutschland Griechenland überfallen. Ich hatte einen Onkel – er war kein Familienonkel, er war ein Freund meiner Großeltern – der an dem Überfall teilnahm, und zwar in einer Einheit – ich habe das später mal nachgschlagen – die Partisanen bekämpft hat. Er hat die Zeit dort sehr genossen und wäre wohl nie das geworden, was er wurde, hätte er nicht damals an dieser Operation teilgehabt. Partisanen bekämpft, das heißt so viel wie: Dörfer angezündet, Zivilist’innen erschossen, gemordet, gebrandschatzt, vergewaltigt, es heißt Kalavryta, Kefalonia, Klissoúra, Kesariani, Distomo und Chortiatis. Onkel Leo – so hieß er – wurde später Lehrer, Latein und Geschichte, an einem humanistischen Gymnasium. Ich weiß das, weil ich unfassbar schlecht in Latein war. Ich müsse das irgendwie wieder reinholen, hieß es, also wurde ich dahin geschickt, ich war dreizehn, glaube ich, zwei Wochen während der Faschingsferien saß ich mit meiner Großmutter in diesem Haus fest, tagsüber Ablativus abolutus und abends dann die Karnevalssitzungen im ZDF und den Dritten. Dazwischen Abendbrot, mit Vorträgen darüber, dass die Jugend nichts mehr tauge und Zucht und Ordnung fehle in unserer Zeit. Vorträge über das antike Griechenland auch, über die Ruinen, die er besichtigt hatte – die tausende von Jahren alten Ruinen, nicht die frisch abgebrannten Dörfer, die er auch gesehen haben muss. Die er wahrscheinlich selbst geholfen hat mitanzustecken. Ganz zum Schluß war er noch in Russland gewesen, dort ist er auch gefangengenommen worden, und eigentlich ist das die einzige Anekdote, die er aus dem Krieg erzählt hat: wie sie zwei Wochen nichts zu essen bekommen hatten, und man ihnen dann Sauerkraut vorgesetzt hat, kiloweise Sauerkraut, und sie dann durch die Straßen Moskaus hat marschieren lassen mit dem Sauerkraut, das durch ihre Därme jagte, sie immer weitergetrieben wurden furzend und scheißend und stinkend, die stolzen Herrenmenschen. Das sei sehr schlimm gewesen, sagte er immer und beugte sein Haupt in Demut vor dem eigenen Schicksal, bevor er wieder darüber erzählte, dass Hitler auch nicht alles und so weiter. Tausende von Schüler’innen hat er unterrichtet, mich auch, wenn auch nur zwei Wochen lang, in einer Stadt namens Peine, die diesen Namen eo ipso völlig zurecht trägt, das ganze Land sollte so heißen. Peinland. Warum nicht.

1 2 Polizei oder Warum ich keinen Führerschein habe

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dorfjugend

Dass ich schlussendlich doch nicht den Führerschein gemacht habe: dafür mache ich die Erfinder*innen von Übergangsjacken verantwortlich.

Ich besaß zu jener Zeit, also mit 17, drei Jacken: eine für den Winter, eine für Regen und eine aus Stoff. Letztere war hellbeige, fast weiß, und vor allem hatte sie acht Taschen. Ich nutzte sie fast nie, auch weil es mir wie ein unnötiger Luxus vorkam: bis heute weiß ich nicht, warum man überhaupt mehr als zwei Jacken braucht.

Es war damals üblich, als Jugendliche*r zu kiffen; ich glaube, das ist immer noch so. Drogen spielen auf dem Land eine viel größere Rolle als in der Stadt, scheint mir; möglicherweise liege ich auch falsch, es ist reine Privatempirie. Im Allgäu war ein größerer Drogenumschlagplatz, da kam das Zeug aus der Schweiz und wurde nach Stuttgart weiterverteilt. In der Kreisstadt mit ihren paarundzwanzigtausend Einwohner*innen gab es im Jahr mindestens eine*n Herointoten.

Gras gab es überall. Wer mit 16 noch keines probiert hatte, lebte eine langweilige Heidi-Kindheit; alle, die nach mehr hungerte, kifften mindestens regelmäßig. Ich nicht: ich vertrug es nicht. Bei mir machte direkt der Kreislauf dicht. Mir wurde (und wird noch heute) sofort schummrig und ich liege in der Ecke und kotze. Außerdem bekam ich damals sofort Halluzinationen, sobald jemand auch nur „Schwarzer Afghane“ sagte, und hatte Angst, im Wahn mal aus einem Fenster zu springen und mir dabei beide Beine zu brechen oder sowas.

Also ließ ich die Finger vom Kiffen. Aber probiert hatte ich doch, natürlich hatte ich auch aus alten Vasen Bongs gebaut und mir den ein oder anderen Brocken Shit gekauft, es aber irgendwann einfach drangegeben, ganz ohne Schmerzen.

An jenem Abend, der mich den Führerschein kostete, kam ich von einer Kifferrunde zurück. Ich hatte nichts geraucht (ich glaube, wir sagten so Dinge wie „einen durchgezogen“ oder sowas), nur Bier getrunken. Ich war 17 Jahre alt und wir hatten bei einem Freund zusammengesessen, der das Dachgeschoss seines Elternhauses alleine bewohnte. Es war spät geworden, vielleicht so gegen elf oder zwölf, und das hieß für mich: … Ich weiß nicht, wie man das heute nennt. Wir sagten damals „stoppen“. Noch früher soll man „trampen“ gesagt haben. Per Anhalter fahren. Ich weiß gar nicht, ob man das heute noch macht.

Das Dorf, in dem ich wohnte, lag 15 Kilometer entfernt von der Kleinstadt. Um diese Uhrzeit fuhr alle zehn Minuten ein Auto in ungefähr die Richtung, die ich brauchte. Es gab drei Möglichkeiten: entweder sie fuhren in das Dorf vor meinem, dann hatte ich noch 3 Kilometer zu gehen; oder sie fuhren in das Dorf daneben, dann hatte ich einen Kilometer zu gehen; oder sie fuhren direkt in die nächste Stadt, dann lag mein Dorf mitten auf dem Weg.An diesem Abend hatte ich Tor eins gezogen, aber es war mir egal; es waren erstaunlich wenige Autos vorbeigefahren, und als dann eines hielt, wäre ich sogar Richtung München mitgefahren, weil es fing an kalt zu werden, und ich Vogel hatte natürlich in einem Anflug von Gedankenlosigkeit die verfickte Übergangsjacke angezogen, weil man die halt auch mal tragen muss. Was sprach gegen die Winterjacke, verdammt nochmal? Wenn es zu warm ist, zieht man halt vorne den Reißverschluß auf, fertig.

Der Typ fuhr mich jedenfalls bis zu seinem Dorf und ließ mich raus. Ich hatte die Wahl, einfach stumpf draufloszulaufen und die drei Kilometer abzureißen; unglücklicherweise waren das auch nochmal 80 Höhenmeter, das Allgäu kennt keine Gnade. Oder eben hin und wieder den Daumen rauszuhalten, wenn in meinem Rücken Scheinwerfer aufleuchteten.

Ich entschied mich für zweiteres, und kaum dass ich hundert Meter gelaufen war, kam auch schon das erste Auto. Erfreulicherweise hielt es auch direkt, aber ich freute mich nur sehr kurz, weil: waren Bullen. Aber ich hatte ja nichts falsch gemacht, also war ich einigermaßen entspannt, vor allem aber pöbelbereit; von früheren Begegnungen wusste ich, dass die Bullen zwar gerne anlasslos Jugendliche filzten oder ihnen auch mal einen Knuff in die Seite gaben, aber gestrandete Schüler*innen nach Hause fahren, das ging natürlich nicht wegen Versicherung (und weil es faschistische Arschlöcher waren).

Die Autotür ging auf, heraus kam ein Typ, der mir direkt ins Gesicht leuchtete und ohne Begrüßung sagte: Ausweispapiere bitte.

Wer bist Du denn, sagte ich, Betonung auf Du.

Der Typ drehte sich zum Auto hin, wo sich gerade die Beifahrertür öffnete, und sagte: „Hon I doch gsait, dass der Ärger mache würd.“

Aus dem Auto kam schnaufend ein älterer Kollege des ersten und sagte: „Muss des sei.“ Bis heute ist mir unklar, ob er den Satz an mich, seinen Kollegen oder insgesamt ans Universum richtete.

Ich fragte, warum sie keine Mützen trugen, Schaffner würden ihre im Dienst ja auch immer aufhaben. Da hatte mich der Typ direkt im Schwitzkasten, seliges Baden-Württemberg, wo man Nazis zu demokratischen Ministerpräsidenten macht und Schüler schikaniert.

Ich war eigentlich guter Dinge, weil ich mir keiner Schuld bewusst war. Hätte ich bloß nicht diese beschissene Übergangsjacke angehabt, die ich das letzte Mal angehabt hatte, als ich zuletzt – das mochte sechs Monate hergewesen sein – einmal gekifft hatte. Und tatsächlich, diese Wichser fanden tatsächlich noch den letzten Brocken Shit, ich weiß gar nicht, ob man das heute noch so nennt, in einer der achtundfünfzig Taschen. „Haha!“ rief triumphierend der Fahrer. „Hommers!“

Ich war einigermaßen konsterniert, weil am nächsten Tag stand eine Lateinklausur an und mir schwante schon, dass das noch ein langer Abend werden würde. Und ich war eh nicht gut in Latein, ich hätte da ausgeschlafen aufschlagen sollen; stattdessen hieß es nun: „Befragung auf dem Polizeirevier“.

Wenn Allgäuer versuchen hochdeutsch zu reden, obwohl sie es nicht können, ist das von einer grandiosen Komik, gerade bei Polizist*innen: immer wollen sie ein bisschen mehr sein, als sie tatsächlich sind, und gerade dadurch outen sie sich als Witzfiguren. „Béfrágung áúf dem Pólizéirévier“. Ich hatte meinen Mut wiedergefunden und sagte ihm: „Sie müssen nicht jede Silbe betonen, das machen nur Papageien.“ Fand er nicht lustig, ich aber schon. Sie packen mich auf den Rücksitz ihres Autos und nicht geholfen hat, dass die Rückbank durch ein Gitter vom Fahrerraum getrennt war, weswegen ich während der Fahrt immer wieder mal schrie: „Polly will Cracker!“

„Halt die Fresse“, sagte der Typ, da sagte ich: „Von Ihnen will ich gesiezt werden.“ Ich war einfach nicht sehr schlau damals. Ich bin auch heute noch nicht sehr schlau. Aber es war das erste Mal, dass mich wer siezte.

Im Revier angekommen sperrten sie mich, während sie die Beweise aufnahmen, eine Stunde in einen Glaskasten, in dem nichts stand als ein Ficus in einer Ecke. Das Bier trieb so langsam, und ich musste unbedingt pissen, und ich klopfte an die Scheibe des Glaskastens, aber niemand kam, und wenn jemand kam, dann lief er*sie einfach vorbei. Erst als ich anfing in den Ficus zu pissen, standen plötzlich alle an der Tür, diese blöden Arschlöcher.

Es folgte eine Befragung, an die ich mich kaum erinnere, ich weiß nur nach, dass ich zwischendruch gefragt habe, ob ich nicht das Recht auf einen Anwalt hätte. „Haben Sie denn einen?“, fragte der Fahrerbulle, und ich fragte: „Haben Sie denn keinen?“

Hatten sie nicht. Nachts um vier hatten sie dann genug und beschlossen, mich nach Hause fahren. Dieses beschissene Arschgesicht hatte den grandiosen Einfall, einmal mit eingeschaltetem Blaulicht quer durchs ganze Dorf zu fahren, damit auch alle mitkriegen, wer da nachts von der Polizei nach Hause gebracht wird. Dann klingelten sie meine Eltern raus und freuten sich schon. Mein Vater machte die Tür auf.„Guten Morgen“, sagte diese Arschmade von einem Polizisten“, „wir haben hier…“„Komm rein“, sagte mein Vater zu mir.Ich ging rein und zog mich in mein Zimmer zurück. Mein Vater muss noch ein paar Minuten mit dem Typen diskutiert haben, der zu seinem Unmut nicht das Haus betreten durfte, und der auch keine Erklärung dafür hatte, warum er einen Schüler bis nachts um halb fünf festgehalten hatte. „Wegen 0,5 Gramm ‚Haschisch’“ klingt halt auch einigermaßen lächerlich.

Fand auch die Staatsanwaltschaft und hat das Verfahren eingestellt. Blöderweise galt damals noch ein Gesetz, das besagte, dass wer mit BTM gefasst wird, seinen Führerschein nicht ohne MPU machen darf. Zwei Jahre später erst wurde diese Rechtsprechung von Karlsruhe kassiert. Zu spät für mich, da waren meine Fahrstunden schon alle verfallen; die MPU hätte nochmal so viel gekostet wie der Führerschein, das Geld hatte ich nicht. Immerhin hatte die Dienstaufsichtsbeschwerde meiner Eltern Erfolg und der Bulle ist jahrelang nicht befördert worden. Immerhin das.