Wie ich einmal für die Sexualaufklärung einer ganzen Schulklasse gesorgt habe

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dorfjugend

Ich bin im Allgäu aufgewachsen, auf dem Dorf. Es ist ein sehr katholischer Flecken Erde, an jeder Straßenkreuzung sprießt ein Flurkreuz. Ich habe dort Bürgermeisterwahlkämpfe erlebt, da haben Kandidaten versprochen, ihre Freundin zu heiraten, weil ein Pfarrer in einer Sonntagspredigt moniert hatten, dass sie in Sünde lebten. Und das waren nicht die chancenlosen Schießbudenfiguren, sondern die Leute von der CDU.

Es ist auch ein sehr reicher Landstrich. Es ist ein Doppelgaragen-Landstrich, wo es normal ist, dass Familien mit zwei Kindern auf 400 qm leben; und wenn das zu eng wird, bauen sie den Keller aus. Ich bin eher arm aufgewachsen. Viele Freund*innen bekamen ihre 50 Mark Taschengeld im Monat, da hatte ich zehn oder vielleicht zwanzig. Ab der siebten Klasse kam dann noch Nachmittagsunterricht dazu zweimal die Woche, da hab ich mir davon dann oft Mittagessen gekauft. Meine Mutter hat mir freilich immer belegte Brote mitgegeben, aber ich wollte halt auch die ganze dekadente Scheiße fressen, die alle anderen auch gefressen haben: belegte Seelen, Leberkäswecken, hinterher eine Müller-Milch Banane. Ich wollte halt leben wie die.

Also musste ich improvisieren. Damals lasen viele Klassenkamerad*innen Bravo, Bravo Sport, Playboy und aber auch solche pornografischen Blätter wie die Praline. Es war nämlich so, dass unsere Biologie-Lehrer*innen, zumindest die älteren, alle auch erzkatholisch waren. Deswegen schoben sie den Aufklärungsunterricht jedes Jahr ganz ans Ende des Jahreslehrplanes, um dann – jedes Jahr aufs Neue – festzustellen, dass jetzt gar keine Zeit mehr wäre für diesen ganzen Schweinkram. Ich bin, glaube ich, ernsthaft aufgeklärt worden erst in der elften Klasse. Das waren die 90er auf dem Dorf im Allgäu.

Jedenfalls gab es ein Kaufhaus, das hieß auch noch Kaufhaus X, und da lagen diese ganzen Hefte in einem Seitengang aus. Ich hatte schon früh gelernt, dass wenn ich das gleiche wollte wie die anderen auch, ich es mir nehmen musste, weil geben würde es mir niemand. Also ging ich eines Tages, es muss in der achten Klasse gewesen sein, während einer großen Pause dorthin und klaute mir eine Bravo. Es war ein Freitag, wir hatten danach nach der fünften Schluss, und ich musste eine Stunde auf den Bus warten. Also zeigte ich den anderen, mitwartenden Kindern das Heft. Die machten Augen und danach machten sie Worte, und diese Worte sagten: Kannst Du uns nicht auch sowas besorgen?

Na klar konnte ich. Über die kommenden Wochen ging ich jeden Freitag in der großen Pause ins Kaufhaus X, um dort die Hefte zu besorgen. Ich hatte einen Bestellzettel dabei, der in der Stunde vor der Pause herumgereicht worden war, auf dem Stand dann: Bravo soundsoviele, Bravo Sport ein paar weniger, Playboy ein paar und dann noch Coupé oder sowas. Zu Hochzeiten müssen das so 15 Bestellungen gewesen sein pro Freitag. Ich war sehr geschickt, ich bin nie erwischt worden, obwohl das sicher einige Monate so ging. Ich nahm die Hälfte des nominellen Preises und hatte ein gutes Auskommen.

Bis zu diesem ominösen Freitag im Frühsommer.Nach der großen Pause hatten wir immer Musik bei Herrn Büchele. Normalerweise war es so, dass ich ganz knapp zu Beginn der Stunde wieder da war und dann während der Stunde die Hefte verteilte, sie wurden durch die Reihen gereicht, bist sie ihre Destination fanden. Herrn Büchele war aber über die Zeit aufgefallen, dass wir eine sehr unaufmerksame Klasse waren, die gerne und viel in irgendwelchen Schulheften las und nicht dem Unterricht folgte. Da stimmt was nicht, dachte sich Herr Büchele, und kündigte just an diesem Freitag eine Schulranzenrazzia an, um ebenjenen Lesestoff, der obendrein oft zu Gekicher und Unruhe führte, zu beschlagnahmen.

Da saß ich nun mit meinen 15 Heften, während er am anderen Ende der Klasse begann, die Schulränzen zu filzen. Glücklicherweise saß ich direkt an einem Fensterplatz, also nahm ich die Hefte und warf sie, während Herr Büchele die Nase in einem der Ranzen hatte, aus dem Fenster. Unglücklicherweise befand sich der Klassenraum im Erdgeschoss, obendrein war die Fassade vollverglast, das heißt: alle konnten die Hefte sehen. Ein wenig Wind ging, der sanft durch die Seiten blätterte.

Um mein Pech komplett zu machen, hatte Herr Büchele meine Entsorgungsaktion sofort zur Kenntnis genommen und stand in keiner Zeit vor meiner Nase, um mich zu fragen, was ich da aus dem Fenster geworfen hatte. Ich stammelte dies und das, merkte aber, dass ihn das nicht sonderlich beeindruckte, stand dann auf und sagte: Ich schau selber nach, was das war. Dann sprang ich in einem Akt der Verzweiflung aus dem Fenster, stellte mich direkt auf die Hefte und sagte: „Ich kann gar nichts sehen, was da sein soll.“

Die ganze Klasse war mir ans Fenster gefolgt, alle diese Arschlöcher kicherten und lachten und manche schrieen sogar: „Du stehst doch drauf!“ Herr Büchele besah sich das Spektakel schweigend und sagte dann: „Jetzt gib schon her.“Seufzend reichte ich ihm, worauf ich bisher gestanden hatte, drehte mich einmal weg von der Fensterfront voller hämischer Gesichter. Weiter hinten saß eine Schülerin aus einer höheren Klassenstufe, die zumindest den finalen Akt des ganzen Dramas miterlebt hatte, und sah mich fragend an. Ich sagte: „Was für eine Scheiße“, mehr zu mir als zu ihr, und sie antwortete: „Kopf hoch, Alter, alles geht vorbei“. Das war Nelly, sehr viel später sollten wir gute Freund*innen werden.

Herr Büchele besah sich, was ich ihm gereicht hatte, und bat mich dann, wieder zurück ins Klassenzimmer zu kommen. Dann fragte er, für wen die ganzen Heften seien, und ich sagte: „Für mich. Das sind meine.“ Er glaubte mir natürlich kein Wort, und dann begann er die Klasse zu befragen, was wir eigentlich über Sexualkunde wussten. Mir war das hochnotpeinlich, aber es war genau das richtige, weil er damit alle Aufmerksamkeit von mir abzog. Es gab ein großes Oho in der Klasse, und viele begannen dies und das zu erzählen, vor allem die zwei, drei Bauerskinder in der Klasse wussten überraschend viel, sie wählten allerdings eine ziemlich drastische Ausdrucksweise. Sie hatten das alles halt auch schon live gesehen, halt an Tieren, aber je. Herr Büchele erklärte, was wir für fragen hatten, wahrscheinlich hat er das anschließend lehrplanmäßig unter Carmina Burana verbucht. Nach der Stunde hielt er mich unauffällig zurück.

„Geh nicht mehr klauen, dann schau ich, dass das unter uns bleibt“, sagte er. Ich nickte. Mehr sagte er nicht. Ich sollte mich ein halbes Jahr an unsere Abmachung halten.

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