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ilse

Ein Arztbesuch mit Ilse bedeutet mindestens 48 Stunden Nettoarbeitszeit, verteilt auf fünf Wochen. Das heißt, wenn es gut geht. Wenn es schief geht, auch gern das dreifache.Zuerst einmal muss herausgefunden werden, was eigentlich fehlt. Ist es der Weltschmerz oder ist es etwas konkretes, kann das Unwohlsein irgendwie eingegrenzt werden? Das gehört streng genommen gar nicht in die Arbeitszeit, das ist ein fortwährender Beobachtungs- und Bewertungsprozeß, weil irgendwas ist eh immer, und ich kann nur hoffen und mir Mühe geben, die Schmerzen richtig von den Zipperlein zu unterscheiden, das seelische Leid vom körperlichen richtig zu differenzieren, also insgesamt zu merken, nicht nur wann etwas nicht stimmt, sondern auch was ungefähr nicht stimmt.

Hab ich einen Verdacht, ruf ich die entsprechende Praxis an. Die herauszufinden dauert bis zu einer Stunde, weil Ilse fast alle Arztunterlagen weggeschmissen hat; Ärzt*innen sind nämlich grundsätzlich scheiße, hätten auch noch nie geholfen (wie man ja sieht, der Beweis sind ja ihre jetzigen Schmerzen sowie der Umstand dass sie eigentlich schon ihr Lebtag Schmerzen hatte; da sie aber nicht mehr 20 werden kann, sind ohnehin alle Praxisbesuche überflüssig; und selbst wenn es doch Heilung gibt, wozu eigentlich, es geht ja immer was kaputt). Also: alle Unterlagen raus in den Container, wenn nirgendwo eine Diagnose geschrieben steht, ist man zwar elend, aber nicht krank. Und elend ist besser als krank, weil zweiteres im Grunde das gleiche ist wie das erste plus obendrauf der Kontakt zu den nutzlosen Ärzt*innen, die Wege, die man gehen muss, draußen in der Kälte, und was ist wenn es regnet?

Das ist Phase zwei, die Verhandlung oder eben auch die Reflektion. Da ist also was (beispielsweise ist ein Schneidezahn abgebrochen, das tut zwar nicht weh, aber Brötchen essen geht nicht mehr, und eigentlich würde Ilse schon gern mal wieder ein Brötchen essen, also vielleicht doch zu diesem Zahnarzt gehen? Aber was, wenn sie angespannt ist an dem Tag des Termins, wenn es kalt ist oder es regnet? Geht es vielleicht auch so? Vielleicht wenn sie nur weiche Kuchen isst; ja, das müsste gehen, und es geht auch ein, zwei Wochen, dann hat sie die Kuchen über, überhaupt würde sie gerne mal wieder Brötchen essen oder Fisch oder Huhn, alos vielleicht doch gehen oder vielleicht auch nicht? Ich höre zu und höre zu und nicke und nicke und sage: Ja, verstehe ich, verstehe ich. Manchmal hat sie konkrete Fragen, ob ich denn dann mitkäme zum Beispiel, ich sage: Ja, ich komme mit. Ob ich ihr helfen würde, ich sage: Ja, das mache ich. Diese Gespräche dauern insgesamt ungefähr zehn Stunden oder zwölf, je nachdem.

Die Frage, ob ich hülfe, leitet über in die nächste Phase, die der Angst und der Schuld und der Aggression. Warum sie überhaupt zum Azt müsse, was sie denn dem lieben Gott getan habe, dass der sie jetzt so quäle; warum ich überhaupt mit der Praxis gesprochen hätte, warum es überhaupt einen Termin gäbe, warum eigentlich dieser Schneidezahn abgebrochen sei, und warum sie nicht einfach sterben könne. Das sind Fragen, die mit dem Abend kommen und über Nacht bleiben; es kommt dann vor, dass sie nachts um vier an meinem Bett steht und sehr wütend wissen will, warum ich sie nicht in Ruhe ließe. Es ist, das muss ich schon sagen, nicht ganz leicht, ruhig zu bleiben, wenn man aus dem Schlaf gerissen wird, um sich eine halbe Stunde anschreien zu lassen.Am schlimmsten ist die Nacht vor der Behandlung. Heute hatten wir diesen Zahnarzttermin, und heute Nacht stand Ilse alle Stunde an meinem Bett, um mich anzuschreien, um zu wüten und zu toben. Türen werden geworfen und Teller auch, ich werde jedes Schhimpfwort gerufen, das sie kennt, und zwischendrin hält sie dann oft kurz inne, steht zwischen meinem Zimmer und ihren und murmelt zu sich selbst hin: Warum bist Du denn jetzt so, hör auf damit. Aber das kann sie nicht, sie kann sich nur kurz hinlegen; das ist allerdings phänomenal, selbst aus dem brutalsten Wutanfall heraus kann sie direkt einschlafen, dann schläft sie eine halbe oder ganze Stunde (ich, der ich länger brauche um wieder einzuschlafen, entsprechend dann zehn Minuten), und dann überkommt es sie wieder und sie kommt vorbei mit ihrer Aggression. Gegen fünf Uhr morgens dann schläft sie für zwei Stunden, ich für anderthalb, und wenn sie dann aufwacht, ist sie bester Dinge, fröhlich und auch aufgekratzt. „Wollen wir tanzen?“, fragt sie dann, geht dann in ihr Zimmer und zieht sich an; fragt dann, wann es endlich losginge; ich sage, der Termin sei erst um zwei, da verdunkelt sich ihr Blick schon wieder, „wie soll ich das aushalten“, schreit sie, ich atme. Atme. Atme. Ja, wie hält man das aus eigentlich.

Es folgen nach und nach drei Stunden Vorbereitung, welche Mütze ist anzuziehen, ah diese, aber bevor sie sie anzieht, drängt schon die nächste Frage, nämlich welcher Mantel der richtige ist, sie steht vor der Garderobe, fünf Mäntel hängen da, und sagt: „Ich kann nicht gehen, ich habe keinen Mantel“, ob ein Schal nötig ist, und welche Mütze nochmal? Außerdem hat sie Postkarten gebastelt, die will sie mitbringen, aber wo hat sie die nochmal hingelegt? Es waren drei, warum sind die jetzt weg, sie waren in einem Umschlag, nein, so kann sie nicht gehen, und was ist mit dem Schal? Habe ich keine Antwort auf die Fragen, weil ich nicht weiß welcher Schal oder mich nicht entschieden habe (es ist schwer, Entscheidungen zu treffen, wenn man so wenig geschlafen hat), schreit sie und tobt und es werden türen geworfen (aber keine Teller). Habe ich eine Antwort und gebe ihr einen Schal, sagt sie: Arschloch. Dreckssack. Mieser Kerl. Naja, denke ich, besser als das Schreien und das Toben.Zwischendurch kommt sie und fragt: Aber Du hilfst mir doch? Hilfst Du mir? Soll ich meinen Schlüssel mitnehmen? Habe ich schon was gegessen? Das sind gute Momente, denn dann weiß ich, dass wir den Termin werden wahrnehmen können. Sie zeigt mir ihre linke Hand, die zittere immer, wenn es nicht mehr gehe; die Hand ist ruhig und entspannt, dann blickt sie drauf und beginnt, sie hin- und herzubewegen. Ich nehme sie und streichle ihr den Handrücken. „Das beruhigt“, sagt sie, „aber nutzen tut es nicht.“ Und dass sie nicht gehen wolle, drei Minuten steht sie in einem ihrer Mäntel vor mir und fragt, ob es der richtige sei für dieses Wetter, und die Socken? Ob ich die Krankenkassenkarte habe?

Auf dem Weg zum Arzt beschäftigen sie bereits andere Dinge: Soll man anschließend noch einkaufen gehen, ist genug zu Essen im Haus, haben wir die Postkarten dabei? Ich antworte, sie sagt naja. Dann sitzt sie im Zahnarztstuhl, das geht schnell, weil ich vorher gesagt den Helfer*innen gesagt habe, dass wenn wir lange warten müssen, sie den kompletten Raum zusammenschreien würde (das ist nicht ganz wahr, in der Öffentlichkeit behält sie die Contenance normalerweise), und wenn ich sie frage, wie es ihr geht, kuckt sie mich kurz an, dann fängt ihre Hand an zu zittern und sie sagt: „Das siehst Du doch, wie es mir ght, Dreckssack.“Dann macht sie die Augen zu und sagt: „Warum sagst Du das immer, Ilse, lass das doch“.

Also nehme ich ihre Hand.

Es gibt gute Ärzt*innen und weniger gute, es gibt ein paar ganz ausgezeichnete, aber es ist immer zu wenig. Es gibt jene, die nicht oder nicht genau genug erklären, was jetzt passiert; die denken, es sei ausreichend zu sagen, dass erst die Betäubung komme und dann die Wurzel des Zahns gezogen werde; die nicht daran denken, dass es erst eine Betäubung gibt, dann eine Pause, dann eine zweite Betäubung, dann noch eine Pause, dann die Wurzel gezogen wird, dann aber hier und da noch herumgeschliffen wird im Mund; die nicht daran denken, wie das ist, wenn sie, den Bohrer quasi noch in der Hand, aufspringen, um zu den nächsten Patient*innen zu eilen, wenn immer wieder Helfer*innen hereingesprungen kommen und wortlos dieses zu holen oder jenes zu verräumen; jene Ärzt*innen, die glauben, mit einem lockeren Spruch sei das dann alles zu überdecken, ein Witz zur rechten Zeit sei Ausdruck von Empathie; die machen mir die meiste Arbeit. Die denken auch nicht daran, laut oder langsam genug zu sprechen, dass eine ältere Frau mit schwachem Gehör das auch versteht. Also übersetze ich, was sie sagen, beantworte in der Zwischenzeit Fragen zum Lebensmittelbestand zu Hause und höre mir Klagen darüber an, dass das doch die falsche Mütze gewesen ist.

Nach einer Stunde oder so sind wir raus, alles in allem wurden vier Zähne gezogen, Ilse ist wackelig und hat irgendwas im Hals; aber sie ist nicht wütend, nur müde. Danach wird zwei Stunden gejammert, darüber dass der Hals sich so furchtbar anfühlt und dass da Blut im Mund ist, außerdem wolle sie jetzt Huhn essen, wann das denn endlich ginge; als es dann endlich ginge theoretisch, schläft sie ein.

Auch gut. Hab ich eben Zeit, hier darüber zu jammern.

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