Helfen dürfen

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ilse / pflege

Ilse kehrt den Hausflur. Damit flucht sie viel, und zwar auf alle: auf die beschissene Hausverwaltung, die sich nicht um die Sauberkeit des Treppenhauses schert; auf die Arschlöcher von Mitmieter*innen, die den ganzen Dreck hereingetragen haben; auf diesen einen Dreckssack, der ihr vor zehn Jahren mal krumm gekommen ist, auf den besonders, dieses arrogante Stück Scheiße.Es ist alles besser als vor zwei Stunden; vor zwei Stunden war sie nur traurig. Sie sagt dann immer dreieinhalb Sätze: Ich will nicht mehr leben. Ich kann nicht mehr. Es ist genug. Wenn ich doch nur so eine Pille hätte! Es ist viel besser, wenn sie schimpft. Sie ist auch viel erreichbarer, wenn sie schimpft: Wenn ich dann einen Witz mache, lacht sie kurz und macht dann selber einen, um mich zu übertrumpfen. Und dann hat sich mich übertrumpft, und darüber freut sie sich dann, und dann schimpft sie wieder zwischendrin, sie schimpft einfach auch gern. Wenn sie traurig ist und ich mache einen Witz, sagt sie nur müde: „Das ist nicht zum Lachen, ich sterbe hier.“ Und auch das ist wahr auf eine Art. Aber auf zweiteres kann ich einfach nichts antworten, weil es nichts zu antworten gibt.

Ich bin jetzt in einigen Selbsthilfegruppen für Angehörige von dementen Menschen, und täglich schreiben da Leute rein, dass sie gerade neu beigetreten sind und nicht wissen, was sie tun sollen. Sie wollen helfen, sagen sie, aber wie? Je weiter sie weg sind von den Menschen, desto dringlicher ist es ihnen, helfen zu dürfen, aber wie? Wie kann man helfen bei einer Krankheit, die ohnehin einen schlimmen Verlauf hat, in einem Zustand, der sich immer weiter verschlechtert?Ich bin jetzt so um die vier Wochen hier, ich weiß noch nicht sehr viel, ich lerne noch, und das täglich. Eine Sache aber habe ich begriffen: Helfen kann man nicht erzwingen. Helfen zu dürfen ist ein Geschenk. Und zwar in beide Richtungen.Kurzer Perspektivwechsel: Ich hatte selbst mit Anfang 20 eine schwere Erkrankung, die mich lange Zeit hilflos zurückließ, inklusive Lähmungen am ganzen Körper und Bettlägrigkeit usw. und mich seither immer wieder mal eingeholt hat, wenn auch nicht ganz so dramatisch wie beim ersten Auftreten.

Seither hasse ich die Frage, wie es mir geht, sofern sie ernst gemeint ist; ich habe Familienmitgliedern verboten, sie mir zu stellen, gerade jenen, die besonders besorgt sind (und weit weg wohnen); weil immer die Anschlussfrage kam, wie es mir denn aber wirklich geht, sie wollen mir dann direkt in die Seele kucken, und sie meinen es ja nur gut, da hab ich zur Verfügung zu stehen. Sie machen sich ja Sorgen, deswegen haben sie ja ein Anrecht darauf, alle Geheimnisse meines Zustandes mitzuprotokollieren; und es ist auch schwierig zu verstehen, dass ich das nicht unbedingt mit ihnen teilen will, auch nicht unbedingt darüber nachdenken will in just diesem Augenblick, dass ich diese Frage im Grunde für eine Unverschämtheit halte, weil was wäre die Konsequenz daraus, wenn ich sagte: „Ausgesprochen schlecht“? Sie wollen es wissen, weil es ihnen hilft. Das wäre auch okay, wenn es nicht um mich gehen würde, aber so? „So war das aber nicht gemeint“, kann ja sein. Wie war es denn gemeint? Und dann beginnt die Diskussion, für die ich keine Kraft habe, wenn es nicht gut geht, und keine Lust, wenn es mir gut geht.

Wer krank ist, hat immer das Gefühl: Ich kann nicht mehr genug, ich weiß nicht mehr genug, ich bin nicht mehr genug. Die größte Hilfe ist, dieses Gefühl zu durchbrechen; und das heißt eben auch, sich helfen zu lassen. Das mag am Anfang ein bisschen gekünstelt aussehen, aber nicht, weil es gekünstelt ist: sondern weil Gesunde überhaupt erst lernen müssen, sich von sogenannten Kranken helfen zu lassen.

Oft sind es Kleinigkeiten. Sich irgendwas erklären lassen, warum ist dieser Strich, den Du gemalt hast, krumm, warum blau? Welches ist die beste Milch, und wo kann man sie kaufen? Wie funktioniert diese Apparatur, die da neben Dir steht, und übrigens, mir läuft die Nase, was machst Du immer dagegen?Ilse sucht sich ihre Aufgaben, freilich, das ist an manchen Tagen schwieriger als an anderen, aber der Impuls ist da: sie tut etwas, sie weiß etwas, sie hilft. Sie teilt ihr Wissen gern mit mir, und je häufiger ich sie nach Dingen frage, desto häufiger fragt sie mich auch nach Dingen. Vielleicht lerne ich nur selten lebenspraktische Dinge, die ich noch nicht weiß, aber ich lerne etwas ganz anderes: wie wir zusammen zurecht kommen. Das ist nämlich etwas, da haben wir beide kein Expert*innenwissen, das müssen wir zusammen herausfinden, da kommt es auf uns beide an.

Ich würde allen Angehörigen in diesen Gruppen gerne raten: Wenn ihr helfen wollt, ist das toll, aber helft ein bisschen weniger und verwendet mehr Energie darauf, euch helfen zu lassen. Zeigt den Menschen, denen ihr helfen wollt, dass sie fähig sind – nicht zu allem, das wäre gelogen. Aber zu den Dingen, die sie tatsächlich können.

Und wenn sie fluchen, lasst sie fluchen, Herrgottnochmal.

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