Egal wie es geht

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„Ist Dir ja egal“, sagt sie, das sagt sie immer, wenn es ihr schlecht geht. „Ist Dir ja egal, wie’s mir geht.“ Seit zwei Stunden höre ich mir an, dass sie sich umbringen möchte, aber nicht kann, weil sie leider keine Mörderin sei, aber ich würde sie umbringen, das sei Mord, was ich tue, weil ich nichts täte, außerdem hätte ich gar kein Mitgefühl, und womit sie eigentlich all ihr Leiden verdient habe, sie habe nie jemanden etwas getan, und jetzt dieses hier: Sie zeigt die Hand vor, ihre rechte. Es ist eine schmale Hand, das untere Gelenk am Zeigefinger ist etwas dick. Still steht die Hand in der Luft, bis sie selbst auf sie niederblickt und sie zu wackeln beginnt – wer beginnt zu wackeln, ist es die Hand, ist es Ilse, ich weiß es nicht. „So schlimm war das noch nie“, sagt sie immer, inzwischen sagt sie das fast jeden Tag. Die Hand ist ihr Seismograph, sie schlägt aus, um mir zu sagen, dass es in ihr bebt und brodelt.

„Wie kann ich Dir helfen?“, frage ich, aber sie will gar nicht, dass ihr geholfen wird, sie will auf keine Hilfe angewiesen sein. Sie will bleiben, was sie immer war, unabhängig und bewundert und eigen. „Hau ab“, schreit sie, „hau bloß ab! Du Arschloch!“ Dann geht sie in ihr Zimmer, während sie leise vor sich hinmurmelt, sie solle nicht immer Arschloch sagen. „Ist ihm ja egal, wie’s mir geht.“ Das ist ihr Mantra. „Ich sterbe hier“, sagt sie noch, was soll ich dazu sagen? Wenn es gut läuft, ja? Aber wenn ich es nicht mehr schaffe, dann wahrscheinlich nicht?

Es gibt so vieles, das man nicht ändern kann, nicht beeinflussen kann. Ich kann ihr die Angst nicht nehmen, die Unsicherheit, die Verluste. Ich kann ihr vorschlagen, eine Suppe zu kochen oder einen Kuchen zu holen – egal, was ich vorschlage, es wird auf jeden Fall falsch sein, weil eine Suppe oder ein Kuchen nicht das richtige sind gegen eine Hand, die zittert, sobald man sie ansieht. „Bring mich ja zu keinem Arzt, die sind alle dumm! Allesamt!“, schreit sie aus dem Zimmer. „Aber Dir ist es ja eh egal, wie’s mir geht. Arschloch.“, sagt sie hinter der Tür, inzwischen sagt sie es mir nur noch selten ins Gesicht, weil sie gesehen hat, dass mich das verletzt. Für sich selbst braucht sie das aber, dieses sauer sein auf mich, dass jemand da ist, den man verantwortlich machen kann, den man beschuldigen kann. einmal hat sie mir erzählt, dass sie es schade findet, nicht an Gott zu glauben, weil dann hätte sie jemanden, den sie verantwortlich machen kann für ihre Misere. Aber sie glaubt eben nicht, Glauben ist Kitsch. Stattdessen schimpft sie auf die Deutschen und auf Stalin, der einen Pakt mit Hitler geschlossen hat, dieses Schwein.

„Soll ich Dir was vorlesen“, frage ich, zum achten Mal inzwischen, endlich sagt sie ja: aus ihren eigenen Texten, dieses eine Gedicht vor allem, bei dem muss sie immer weinen. Ich kann es auswendig inzwischen, eines von vielleicht zehn Gedichten, die ich auswendig kann inzwischen.

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