Drei Kreuze

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dorfjugend

Ich hasse Kirchtürme. Es ist kein abstrakter Hass, er ist biografisch erworben. Als ich 17 war, wollte ich den Führerschein machen; dafür brauchte ich Geld; also musste ich arbeiten gehen. Am meisten Geld gab es bei einem Stukkateurbetrieb, Gerüstbau, alles klar, dachte ich, dann halt das.

Ich bin, nunja, eher schmal. BMI um die 20. Unteres Normalgewicht, im allgemeinen unauffällig. Als ich aber am ersten Arbeitstag auf dem Parkplatz stand, morgens um sechs, und nach und nach die Stammbelegschaft eintrudelte, kam ich mir bald vor wie ein Streichholz im Wald. Alle diese Leute waren zwei Meter breit, keiner wog unter 80 kg. Verstohlen sah ich mich um, sie aber beachteten mich nicht.Ich wurde einem Sprinter zugeteilt, und der Capo – so sagte man da – winkte mich zu sich her. Er war ein Zwergberg, kaum einssechzig groß, und er aß von seiner Orange. „Bisch Du an Bombeleger?“, Sagte er, und ich sah ihn fragend an. „Wäge de Hoor moini“, sagte er und zeigte auf meinen Pferdeschwanz. „Bisch au oiner von der R.A.F.?“ Ich schüttelte wortlos den Kopf, gar nicht mal so sehr Überraschung, sondern weil ich morgens um sechs nicht spreche. Wir fuhren nach Bad Wurzach, 25 km, und zuverlässig alle fünf Kilometer schob sich der Capo einen Orangenschnitz in den Mund. Draußen nieselte es, und es ging auch, was ich bis zu diesem Tag als „ein bisschen Wind“ bezeichnet hätte; am Ende des Tages würde ich diese Wortwahl gründlich überdacht haben.

Die Hauptkirche von Bad Wurzach ist der Heiligen Verena gewidmet, der Name bedeutet so viel wie „die Behutsame“. Ich glaube nicht, dass der Capo je von ihr gehört hatte. Wir waren zu sechst, der Kirchturm wird wohl über 30 Meter hoch gewesen sein, jedenfalls war er dreiviertel eingerüstet und das hieß 13 Stockwerke. „Bombeleger!“, rief der Capo, ich stand zwei Meter neben ihm und hörte den Schall seiner Stimme trotzdem aus fast jeder Richtung. Ich weiß nicht wieso, aber overly manly men hatten mir gegenüber immer das Bedürfnis, besonders overly zu sein. Wahrscheinlich habe ich deswegen zwischen 15 und 25 ungefähr alle halbe Jahr aufs Maul bekommen, aber das sind nochmal ein paar andere Geschichten. „Ja“, sagte ich.

„Du gosch auf die dritte Etage“, das letzte Wort sprach er aus, als sei jeder Vokal etwas ganz besonderes. É – tá – gé.Ein Glück, dachte ich, nicht ganz oben, und kraxelte auf Ebene drei. „It do!“, schrie der Capo, die Umstehenden lachten oder schüttelten angewidert den Kopf. „Dritte von obe!“ Damals hatte ich noch keine Höhenangst, im Gegenteil, ich genoss es, ins Land hinaus zu blicken. Wenn man hoch genug steht, dachte ich, ist es möglich, viel zu überblicken. Besonders gern las ich damals Die Zeit.

Das Seitenteil eines Gerüstes wiegt zwischen 15 und 18 Kilo, ein Querbrett um die zwölf. Oben stehen zwei Mann und bauen ab, dann reichen sie die Bauelemente nach unten. Sie müssen dazu auf die Knie gehen, weil die Elemente über zwei Ebenen weitergegeben werden, zumindest am Anfang (je fortgeschrittener der Abbau, desto weniger Ebenen bei gleichbleibender Arbeiterzahl, liegt ja auf der Hand).

Was allerdings gar nicht auf der Hand liegt, sind diese Bauelemente. Auch wenn sich die oben mühten, so tief wie möglich in die Knie zu gehen vor der heiligen Verena, bekam man nur den unteren Rahmen zu fassen. Schlimmer als die Seitenelemente waren allerdings die Bretter, in denen der Wind sich fing, an ihnen zerrte, dass man bisweilen zwei Schritte zur Seite machen musste wie ein betrunkenes Schiff, um wieder in die Balance zu kommen. „Bal-ons“, hätte der Kapo gesagt.Glücklicherweise waren diese Bauteile nicht glatt; es gab Überreste von Stuck daran, Bauschaumrückstände, Spritzer von getrocknetem Beton („Betong!“). Deswegen trugen wir auch alle Handschuhe. Das schönste an meinem Körper sind meine Hände, feingliedrige, elegante Klavierspielerfinger, geäderte Handrücken, ausdrucksstark und edel. Die Handschuhhersteller*innen aber hatten beim Entwurf ihres Produktes allerdings eher jene Pranken meiner Kollegen im Kopf, die sich leicht zu Fäusten ballen lassen; obendrein hatte es nach kurzer Zeit zu nieseln begonnen, was die – wasserabweisenden, weil als hochqualitativ vermarkteten – Handschuhe besonders glitschig werden ließ. Kurzum, ich sollte nach kurzer Zeit ebendas denken, was ich immer wieder gedacht hatte, als ich mit Billigschuhen auf meinem Billigskateboard stand: die Scheißdinger haben überhaupt keinen Grip. Ich kann von Glück reden, dass das nicht mein letzter Gedanke war. Nach zehn Minuten brannten meine Armmuskeln, „wie d’Hölle“, nach einer Viertelstunde spürte ich meine Beine nicht mehr, nach zwanzig Minuten glitt mir das erste Brett aus der Hand und krachte einige Meter weiter unten in den aufgeweichten Boden. „Heilandsack!“, schrie der Capo, vielleicht veranlasste das die heilige Verena, die ein Leben lang keusch geblieben war, das leichte Nieseln in einen unangenehm kalten Regen zu verwandeln. Zehn Minuten später entglitt mir ein Seitenteil, während ich es nach unten reichen wollte. Unglücklicherweise hatte ich den Kopf zwischen Unter- und Oberstrebe gesteckt, so dass es mir direkt auf die Halswirbelsäule rauschte. Glück für mich, dass es nur zehn Zentimeter Fall hinter sich gebracht hatte, sonst… Naja. Sonst hätte mich ein Ende ereilt, das einem Franzosen mit distinguierten Händen im ausgehenden 18. Jahrhundert blühte. Ich hätte ein Anachronismus werden können.

Während ich aufgrund des Malheurs einigermaßen besonnen in den Querstreben hing, wurde es um mich still. Etwas verzögert erst begann unten der Capo zu fluchen und zu toben. Ich hätte an diesem Tag viele neue alemannische Schimpfwörter lernen können, wäre mein Hirn weniger mit Strategien, die das schiere Überleben garantieren, beschäftigt gewesen.Er beorderte mich nach unten und stieg selbst in die dritte É – tá – gé. Erst Jahre später fand ich heraus, warum er das nicht von Anfang an gemacht hatte. Das lag an den Orangenstücken; er war halt nicht sehr trittsicher. Mehr sag ich nicht.

Unten angekommen, wähnte mein Körper sich in Sicherheit und stellte die Adrenalinproduktion ein. Ich ließ also ständig runtergereichtes Zeug in den inzwischen angeweichten Boden fallen und achtete darauf, dass mein Hals nicht im Weg war. Um zehn war dann Frühstückspause, die wir im Auto verbrachten. Der Capo zitierte mich nach vorne, in das Führerhäuschen des Sprinters, und ich dachte – obwohl ich natürlich sofort an eine schmachvolle Kündigung hätte denken sollen – nichts. Ich war einfach nur glücklich, überlebt zu haben.

Ich setzte mich auf den Beifahrersitz des Sprinters und wartete, bis der Capo seine letzten Anweisungen verbrüllt hatte. Dann setzte er sich neben mich, kramte in seiner Tasche, nahm sich einen Wurstwecken heraus und eine Bildzeitung, schlug die vorletzte Seite auf und sagte: „Du wirsch doch amol an Schtudierter, kaschmer helfe?“ Und zeigte auf das Kreuzworträtsel.

Ich habe ihm geholfen, ich wünschte, ich wüsste die Worte noch, die ich für ihn fand. Das wäre eine schöne Pointe. Aber weiß ich nicht mehr, ich weiß nur noch, wie die restlichen 20 Tage waren und warum ich schlußendlich doch nie den Führerschein machte. All das aber ein andermal, jedenfalls hasse ich Kirchtürme.

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